Geschrieben am

4. Dezember

4.12

Claudi Feldhaus lüftet heute das Geheimnis, wie Pennatus und Sapiens in der Zukunft in Zimazans Weihnachten begehen könnten.

Weihnachten ins Zimazans

Die vier weltweiten Metropole in der Welt der Pennatus haben eines gemeinsam: Alle begehen Weihnachten. Die Konsumgesellschaft floriert, Kaufhäuser sind bunt geschmückt, Straßen leuchten des Nachts noch mehr als den Rest des Jahres.

»Was schenkst du mir? Sag schon, sag schon?«, quiekte Tania und sprang auf Kristians Rücken.

»Was wünscht du dir denn?«, fragte er müde.

Dass er sie nicht unsanft abschüttelte und Diskussionen vermied, verriet ihr, dass sein Tag einmal mehr aufs Äußerste an seinen Kräften gezehrt hatte.

Vor ein paar Monaten hatten Endyvee und ihr Gefolge der Sapiens, den Untermenschen, begonnen, in Zimazans ernsthafte Unruhe zu stiften. Die Legende um die Auserwählte, die Retterin der Sapiens, kursierte mehr und mehr in den Sklavenhäusern, da immer öfter Flugblätter in der Post auftauchten. Auf Häuserwänden prangten Graffitis, die auf beinahe unverschämte Weise an die Vernunft der Pennatus appellierten. Zwischenzeitlich wurden mehr und mehr Sklaven aus den Häusern befreit. All das löste bei den Machthabern Panik aus, sie wandten sich nahezu täglich mit ihren Sorgen an Kristian. Doch der Nachfolger des Oberhauptes zagte, befahl nur zögerlich die Aufstockung der Polizei, den Einsatz von Feuerwaffen. Auch jetzt, in der Hauptgeschäftszeit der Kapitalgesellschaft, rissen die Unruhen nicht ab. Die revoltierenden Sapiens trotzten der Kälte, dem Schnee, der Angst erwischt zu werden. All das ignorierend waren sie letzte Nacht im größten Kaufhaus des Metropols eingebrochen und hatten die Wände zuhauf mit ihren klugen Sprüchen entweiht. So berichtete es jedenfalls die Presse. Niemand wagte sich laut zu äußern, wie grandios sie vorgegangen sein mussten. Seit dem Sommer waren ihre Ideen mit einem Schlag super-ausgefeilt! Kristian konnte das vor der Masse wohl kaum leugnen, die Faszination überwog, die niedere Spezies als solche zu bezeichnen. So tat er etwas, das ihm gar nicht ähnlich sah: Er vermied die Presse und verschanzte sich in seinen Zimmern im großen Turm. Einzig seine Verlobte Tania hatte es gewagt, ihm hierher zu folgen. Aber er war so müde von allem und jedem, dass sie sich erlauben konnte, sich zu ihm zu legen. Offenbar brauchte er ihre Anschmiegsamkeit sogar und auch dass sie ihn in den Arm nahm und streichelte, ließ er wohlwollend über sich ergehen.

Weihnachten in Zimazans, in einem Metropol mit über 2 Millionen Einwohnern. Diese Zeit war für Pennatus die stressigste im Jahr. Aufgrund der vorherrschenden Kälte, der sehr strengen Dezember in dieser Gegend, trugen sie Thermostoffe über ihren Flügeln. Mit denen flog es sich äußerst schlecht, aber alles andere könnte ihnen Gefrierwunden bescheren. Trotzdem verstopften sie die Einkaufsstraßen, drängten sich in den großen Kaufhäusern und kauften ohne Rücksicht auf ihren Kontostand Geschenke für ihre Lieben ein.

Ankari raffte den Mantel enger, die Flügelattrappen darunter wogen schwer. Doch mit ihrer Größe wirkte sie wie eine zu kurz geratene Pennatus und ging in der Masse der Einkaufenden unter. Zufrieden lächelte sie mit Blick auf ihre Beute. Präsente für Helene, Endo und nicht zuletzt für Maru den Pfiffikus, der in den letzten Monaten all die wunderbaren Ideen gehabt hatte, die die Pennatus zu recht erzittern ließen.

Sie huschte hinaus aus der drängelnden Masse, lief ein paar Straßen mit gesenktem Haupt und dann schnalzte sie mit der Zunge. Sogleich trat Stolz, ihr rabenschwarzer Riesenrappe aus der dunklen Gasse hervor, wo er geduldig auf sie gewartet hatte. Ihm bot sie ein Zuckerstückchen dar, das er genüsslich von ihrer Hand schleckte, ehe sie seinen Rücken erklomm und zurück in den Wald ritt.

Schon vor ihrem Haus hörte sie das Gezänk ihrer Männer. Vor ein paar Wochen hatte es so ausgesehen, als hätten sie sich miteinander arrangiert. Aber dann hatte Ankari Maru für seine klugen Einfälle gelobt – und das vor allen Stammesbewohnern unter denen nun auch alten Kumpane Endos lebten. Dies hatte dessen Eifersucht erneut befeuert. Sie seufzte hörbar und trat die Tür auf. Sofort verstummten ihre Ehemänner. Helene huschte im Hintergrund umher wie eine Katze bei Gewitter. Zaghaft lächelte Ankari, das Familienoberhaupt, und setzte sich an den gedeckten Tisch. Alle folgten ihr, sie hatten mit dem Essen auf sie gewartet. Das Gespräch entwickelte sich nur langsam, doch nach dem stressigen Aufenthalt in der überfüllten Metropole war ihr diese Ruhe geradezu heilig.

Sapiens begingen aus Prinzip keinen Weihnachtsabend – allein schon um sich gegen die Überflussgesellschaft der Pennatus abzugrenzen. Dass Ankari ihrer Familie dennoch etwas besorgt hatte, wie würde das wohl wirken?

»Morgen ist Weihnachten«, sagte sie irgendwann, holte dann die drei Päckchen hervor und legte sie auf die Mitte des Esstisches. »Bis dahin müsst ihr euch gedulden, ehe ihr sie öffnen dürft!«

Drei Augenpaare leuchteten sie an, sechs Wangen röteten sich.

»Hast du die geklaut oder bezahlt?«, fragte Helene perplex.

»Das bleibt mein Geheimnis!«

Ohne Aufforderung oder einen Ton von sich zu geben, räumten ihre Männer auf, während Ankari Helene zu Bett brachte.

»Was tust du nur immer … ich will nicht, dass du gefangen wirst!«, flüsterte die Kleine, als die große Schwester sie zudeckte. Sie war wohl der einzige Mensch auf der Welt, der sich traute laut an ihr zu zweifeln, und die ihr die Alleingänge nach Zimazans offen verübelte.

Ankari küsste ihre Stirn. »Mich kriegen die nicht!«

Endo und Maru saßen sich am Esstisch ruhig gegenüber, der eine schnitzte etwas, der andere brütete über einem Stadtplan. Die Päckchen lagen unangetastet zwischen ihnen. Doch ihre Blicke schnellten immer mal dorthin. Ankari setzte sich nicht dazu, sondern nahm Endos Hände und zog ihn zu sich. Sie wusste um seinen angeknacksten Stolz, da der zweite Ehemann für alle merklich scharfsinniger war. Sie liebte Endo aber nicht weniger als Maru und, das spürte sie, musste sie ihm momentan ein bisschen öfter zeigen als sonst. Unmerklich zwinkerte sie Maru zu, sodass dieser begriff, sie würde später zum ihm kommen, sobald Endo schlief. Zwei Gemahlen erforderten so viel mehr Organisationstalent als einer!

Als Ankari um Mitternacht in ihr eigenes Bett ging, fühlte sie noch immer die Wohligkeit, die ihr die Ruhe im Dorf als krassen Gegensatz zu Zimazans gab. Sie lag wach da und grübelte, warum sich die Pennatus das antaten, wem wollten sie an Weihnachten etwas beweisen? Sich selbst, der Gesellschaft? Hatte sich ihre Spezies damals auch so unter Druck gesetzt, als sie einst vorherrschten? Damals – in der Vorzeit. Darüber stand nichts in ihren Büchern. Sie schloss die Augen und atmete durch. Mit jedem Atemzug driftete sie weiter in ihre Träume ab, ihr letzter Gedanke galt wie sooft Kristian. Wie er wohl Weihnachten beging? Hatte er von dem Überfall auf das große Kaufhaus gehört? Sie hatte seit Tagen keine Presseerklärung von ihm vernommen. Vielleicht hatte auch er sich freigenommen!

»Ruh dich aus, Pennatus! Nach Weihnachten werde ich wieder der Quälgeist deiner Spezies sein!«

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