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21. Dezember

21.12

Die Goldatmerin ist das Erstlingswerk von Susanne Markgraf. Die Autorin hat für eine kleine Geschichte geschrieben und auch heute könnt ihr wieder etwas gewinnen. Der 25-Euro-Gutschein kann euch gehören, wenn ihr uns folgende Frage richtig beantwortet:

Welches Lied wird in der Geschichte leise vor sich hin gepfiffen?

Bei mehreren richtigen Einsendungen Entscheidet wie immer das Los. Viel Glück!

Nektar und Ambrosia

Sogar die Schneeflocken scheinen wie festgefroren in der Luft, die anderen Menschen auf der Straße sind in ihren Bewegungen erstarrt. Es ist wie in Dornröschen. Außer, dass ich da nicht mitgemacht habe. Ich hätte, wenn mich jemand gefragt hätte, ehrlich, ich bin nämlich kein Drückeberger.

Aber so … Jedenfalls, gerade, als alle denken, mei, Heiligabend und jetzt fängt´s auch noch das Schneien an; steht alles still. Autos, Busse, Straßenbahnen, Menschen, Tiere – sogar der Wind. Wirklich alles – außer mir. Nach einer Schrecksekunde klopfe ich meine Beine ab und kneife mich immer wieder in die Arme. Bei mir ist alles wie immer. Rheuma und Obdachlos – ich könnte was zum Trinken gebrauchen. Vorsichtig stupse ich die junge Frau, die mir am nächsten steht, an der Wade an – nichts passiert. Sie steht felsenfest, da bewegt sich keine Zelle. Wow. Bevor ich auf dumme Gedanken kommen kann, seh ich auf einmal dieses grelle Licht. Ich denk noch, Mann, drehn die jetzt nen Film hier, oder was? Das sieht aus, als würde gleich ein UFO vor meiner Nase landen und es wird auch ziemlich warm. Gut, das stört mich jetzt nicht wirklich. Schließlich sitz ich seit drei Stunden hier und betrachte die neuste Schuhmode. Hin und wieder beugt sich jemand zu mir runter, sagt etwas und manch einer legt sogar etwas Kleingeld in den Pappbecher, der vor mir steht. Ein wenig geschmeidiger als sonst stehe ich auf, und ziehe meine verschlissene Cordhose zurecht, um dann mal ernsthaft nachzusehen, was da jetzt passiert ist. In dem Moment streckt sich mir die Hand entgegen. Ohne groß zu überlegen, greife ich beherzt zu. Die Hand sieht sauber aus und schlimmer kann’s nicht werden.

Sie gehört zu einem ziemlich gutaussehenden Typen, obwohl er zu lange Haare hat. Und das weiße Teil, das er da trägt, ist zwar auffällig, aber das ist ja nicht zwingend gleichbedeutend mit schön. Aber die Langhaarigen sind fast immer für nen Euro gut, sag ich zu mir selbst. Deshalb folge ich dem leichten Ziehen, das von seiner Hand ausgeht. „Hallo Ben“, sagt er. Freunde, ich sag’s euch ganz ehrlich: wär ich n Mädchen, es wär um mich geschehn allein vom Klang der Stimme. Bin aber keins. Stattdessen frage ich ziemlich intelligent: „Wohin gehen wir?“ Der Typ legt nen Zahn zu und ich komm kaum dazu, mir die Statuen anzuschauen, die eben noch schnell die letzte Kleinigkeit vor Heiligabend besorgen wollten. Gut, das Raum-Zeit-Kontinuum der Restwelt geht mir grad da vorbei, wo mich ziemlich viele Leute mal können. „Was trinken“, antwortet der Weihnachtstyp und zieht mich schon in die nächste Kneipe. TZ! Hier ist auch alles festgefroren. Wir setzen uns an die Bar und ich komm mir vor wie im Wachsfigurenkabinett. Da kommt mir ein Doppelter gerade richtig. Bevor ich was bestellen kann, seh ich, dass der Barmann auch eingefroren ist. Mist. Die Getränke bewegen sich dann sicher auch nicht so, wie sie es sonst tun. Mein Begleiter greift über den Tresen, zieht eine Flasche hervor und macht es sich auf dem Barhocker bequem. „Ich bin Michael, aber du kannst mich Mike nennen, das machen fast alle so“, sagt er. Michael-Mike macht ein paar seltsame Handbewegungen über der Flasche, um sie mir dann zu reichen: „ Hier, Ben trink. Du hast darum gebeten.“ Wenn einer von Ihnen Reporter oder sowas ist, ich gebe Interviews, denn jetzt wird es wirklich krass. Ich nehm natürlich einen guten Schluck, keine Umwege über irgendwelche Geschmacksknospen, gleich die Kehle runter, und warte auf den Brand, der sich erst bis in die Magengegend vorarbeitet und sich dann im ganzen Körper verteilt. Aber nix gibt’s. Kein Brand, keine Wärme, kein Alkohol, aber hey, das ist das Beste, und ich meine wirklich das Allerbeste, das mir jemals zwischen die Kiemen gekommen ist. „Was das?“ Zu mehr bin ich nicht fähig. Dieser Geschmack in meinem Mund und erst das Gefühl … wenn mich jetzt jemand fragen würde, ob ich fliegen kann, würde ich sofort und absolut überzeugt mit ‚Ja‘ antworten. „Das Zeug heißt Nektar. Keine Ahnung, warum ihr alle so heiß auf dieses Alkoholzeugs seid, wo doch Nektar in Hülle und Fülle zur Verfügung steht.“ Mit diesen Worten nimmt er mir die Flasche aus der Hand und nimmt selbst drei, vier gute Schlucke. „Aaaah“, macht er, „ das ist wirklich … ähem … göttlich. Hier, nimm von dem Ambrosia, ist auch sterneverdächtig, wenn Du mich fragst. Nun zu dir, Ben.“ Langsam wird mir ein bisschen unbequem. Wir sitzen da zwischen den ganzen Statuen, trinken Nektar und der Typ guckt mich an, ohne weiter was zu sagen. Also, nicht, dass ich noch Termine habe heute, und mittlerweile bin ich nicht einmal mehr sicher, ob ich gern welche hätte. Als Heiligabend bei mir auch noch ganz normal Heiligabend bedeutete, mit Frau und Kindern, Christbaum, Gans und Geschenken, da war ich oft genervt von der Hektik und dem Stress, der die Menschen zur Vorweihnachtszeit regelmäßig fest im Griff hatte. Aber seit ich gezwungen war, meinen Wohnsitz auf den Seitenstreifen der Schnellstraße zu verlegen, brauch ich nichts mehr. Bis auf eine Menge Rotwein. Natürlich nicht das edle Zeug, das ich früher mit Kollegen und Geschäftspartnern auf einen gelungenen Abschluss getrunken habe. Nein, ich bin umgestiegen auf Mainstream. Preiswerten Mainstream. Der wird meist Kartonweise geliefert. Geht mir auch am Allerwertesten vorbei. So habe ich das allseits beliebte ‚der Weg ist das Ziel‘ zu einem rein ergebnisorientierten Leistungstrinken abgewandelt. Einmal Leistungsträger, immer Leistungsträger, merken Sie sich das. Pfff, der Typ kann einen fertig machen. Nun zu Dir, Ben äffe ich ihn insgeheim nach. „Also, was kann ich für Dich tun?“ sagt er genau diesem Moment und hält mir noch einmal die Flasche mit dem Hammergesöff hin. Da heute mein Tag des beherzten Zugreifens zu sein scheint, zögere ich nicht weiter und trinke gierig, bevor man mir diese Köstlichkeit wieder aus der Hand nimmt. „Was Du für mich tun kannst? Hahaha“, sage ich und wische mir den Mund ab, nachdem ich die Flasche fast geleert habe. Ich kann kaum aufhören zu lachen, mei, so gut hab ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. „Was Du für mich tun kannst“, wiederhole ich, und versuche verständlich weiterzusprechen, „da gäbe es so einiges: Arbeit, Haus, Frau, Kinder, um damit anzufangen, was ich einmal hatte. Michael-Mike starrt mich entgeistert an: „Wie jetzt, das ist alles? Etwas Anspruchsvolles hast Du nicht auf Lager?“ Er seufzt und rutscht von seinem Hocker. „Mach‘s gut, Ben, alter Junge, und versuch bitte, nicht den Verstand zu verlieren, wenn Du da wieder raus gehst.“ Mit den Worten will der Hippie mit dem fantastischen Gesöff offensichtlich die Biege machen. Aber nicht mit mir. „Hey, wann kommst wieder mal in die Gegend? Bringst Du mir dann etwas von dem Zeug hier mit?“ Mit der rechten Hand schwenke ich die Flasche hin und her. Der Typ ist schon an der Tür, als er sich noch einmal umdreht und sagt: „Nächstes Jahr um dieselbe Zeit schau ich gern wieder vorbei. Bis dann also“, nickt er mir zu und schwupps – wie weggezaubert, der ganze Mann.

Meine Frau hat später gesagt, ich sei leichenblass gewesen, als ich aus der Bar kam, in der ich nach einem Weihnachtsstreit wie aus dem Bilderbuch eigentlich nur zwei Glühwein für uns besorgen wollte, um nicht länger diese Tränen fließen sehen zu müssen. Ohne jetzt dramatisch werden zu wollen, wir haben viel geweint diese Weihnachten. Und viel gelacht. Viel Spaß mit den Kindern gehabt, mit allen Verwandten und Bekannten – es war das wundervollste Weihnachten meines ganzen Lebens. Und seitdem weiß ich um die Kunst, den Moment zu genießen, an jedem Tag. Sei glücklich. Sag Deinen Leuten, dass Du sie liebst. Sag Deinem Spiegelbild, dass Du Dich selbst liebst. Wertschätze die Natur. Diese und einige andere Weisheiten hingen ein paar Wochen an den Wänden in unserem Haus, doch wir brauchen sie schon lange nicht mehr.

Heute ist es soweit. Heiligabend. Ich habe eine Verabredung mit Michael. Ich sehe ihn schon weitem ganz in der Nähe der Bar, in der wir letztes Jahr um diese Zeit gesessen haben. Er winkt mir zu, als ich näher komme, in der Hand eine Flasche von diesem Nektar. Aber ich bin nicht deswegen hier. Nektar ist das Lachen meiner Kinder, der Kuss meiner Frau und der Tau auf dem frühmorgendlichen Sommerrasen, Ambrosia sind unsere Weihnachtsplätzchen. Etwas anderes nagt seit fast einem Jahr an mir: „Hallo Michael“, grüße ich ihn, als ich fast auf seinen Füßen stehe, „ wie ist es Dir ergangen im letzten Jahr?“ „Hey Mann, schön, Dich zu sehen, Du siehst ja geradezu glücklich aus, ganz anders als bei unserem ersten Treffen. Warst Du da nicht ziemlich schlecht gelaunt?“ Er zwinkert mir mit einem Auge zu, nimmt einen satten Schluck aus der Flasche und hält sie mir einladend entgegen.

Bestimmt schiebe ich seine Hand mit der Flasche zur Seite und frage drauflos: „Warum hast Du gerade mir gezeigt, wie schön das Leben ist, das ich habe, und wie es auch aussehen könnte? Warum hast Du mich ausgewählt, warum ausgerechnet mir Deine Hand entgegengestreckt, um den Sinn des Lebens zu offenbaren? War ich ein besonders schwieriger Fall?“ Verlegen versuche ich ein bisschen Leichtigkeit in die ganze Atmosphäre einfließen zu lassen, vergebens, aber jetzt, wo ich die Frage gestellt habe, kommt sie mir ein wenig schwülstig vor. Michael bricht in schallendes Gelächter aus, und ich wundere mich nicht über das merkwürdige Echo, dass die umherstehenden Statuen erzeugen. „Du denkst tatsächlich, Du wurdest auserwählt? Mann, Dein Humor ist wirklich von der besonderen Sorte. Jetzt hör mir mal zu: Alle, wirklich alle haben an diesem Tag meine ausgestreckte Hand gesehen, aber Du warst der Einzige, der sie ergriffen hat. Mach‘s gut Ben, ich hab noch zu tun.“ Und wie vom Erdboden verschluckt ist er. Auf meinem Heimweg sehe ich noch, wie er eine junge Frau hinter sich herzieht und auf die kleine Bäckerei an der Ecke zusteuert. Der Anblick zaubert ein Lächeln in mein Gesicht, eines von der Sorte, das aus dem Bauch kommt und den ganzen Körper erfasst. ‚Leise rieselt der Schnee‘ pfeife ich auf meinem Heimweg, immer noch glückselig lächelnd.

Wir wünschen euch und eurer Famile einen zauberhaften dritten Advent!

5 Gedanken zu „21. Dezember

  1. Hallo zusammen,

    eine wunderschönen Geschichte.
    Die Lösung: Leise rieselt der Schnee (übrigens mein Lieblingsweihnachtslied)

    Wünsche einen schönen 4.Advent.
    LG Sonja

  2. Hallo liebes el Gato Verlags Team,

    ich finde es ist eine sehr schöne Geschichte und passend zu der Weihnachtszeit.

    Ich würde sehr gerne in den Lostopf hüpfen!!! 😀

    Die Antwort lautet ‚Leise rieselt der Schnee‘

    Ich wünsche euch einen schönen 4. Advent, eure Susanne von Bücher aus dem Feenbrunnen

  3. Hallo,
    Danke für die schöne Geschichte zum 4. Advent.

    Die Lösung ist “ Leise rieselt der Schnee “

    LG
    Monika

  4. Leise rieselt der Schnee
    Schöne Geschichte sie hat mir gut gefallen

  5. Leise rieselt der Schnee

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