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17. Dezember

17.12Jonathan Philippi, Autor der Mary Island Serie, verschönert euch den Tag mit einer kleinen Geschichte. Viel Spaß!

Kugelblitz

 

In dieser düsteren Dezembernacht war ich wie üblich allein. Der Nachbarhund hatte ein paar Mal angeschlagen, bevor er um Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile in meinem Bett hin und her, hörte meine alte Villa ächzen und knarren und war gerade am Einschlafen, als ich spürte, dass es plötzlich ganz hell im Zimmer wurde. Ich öffnete die Augen und sah direkt neben dem Fenster ein kugelrundes Etwas, das grell leuchtete. Gehört davon hatte ich schon, aber gesehen hatte ich es noch nie. Ich starrte gebannt auf das, was da langsam hereinschwebte und mich umkreiste. Ich setzte meine Brille auf und erkannte klare Strukturen. Hellblaue elektrische Entladungen zuckten um den Energieball. Ich erwartete, dass der Kugelblitz gegen ein Stück Metall stieß, zerplatzen und es zerbröseln ließe.

Im Fernsehen hat jemand berichtet, dass so ein Kugelblitz durch das halbe Haus schwebte und die kleine Metallkette, die den Stöpsel der Badewanne festhielt, pulverisierte.

Aber das passierte nicht. Die Erscheinung zischte und kam näher.

Instinktiv hielt ich die Bettdecke vor mein Gesicht, um nicht zu verbrennen. Dumm, nicht wahr? Eine Daunendecke und eine Million Volt, lachhaft. Mit einem Schlag wurde es dunkel und still. Das Phänomen war verschwunden, so schnell und leise, wie es gekommen war. An weiterschlafen war nicht mehr zu denken. Immer wieder schreckte ich auf. Als der Tag graute, kleidete ich mich an. Ich traute mich nicht, zu duschen, aus Angst der Kugelblitz könnte mich genau dort erwischen.

Als ich mein Haus verließ, traf ich ihn das erste Mal. Er grüßte freundlich und überschwänglich. »Schönen guten Morgen, Herr Meppen«, sagte er zu mir und lupfte seinen Hut. Ich muss ihn angestarrt haben, wie ein Betrunkener den Laternenpfosten, der im Weg steht.

»Moin, Moin«, brummte ich zurück.

»Herr Meppen, ich wollte … nein ich muss Sie etwas fragen, bitte.«

Ich stoppte meinen Schritt und wandte mich ihm zu.

»Heute Nacht …«, flüsterte er verschwörerisch.

»Heute Nacht?«, fragte ich.

»Ja, wie war es, ich meine …«

»Was soll heute Nacht gewesen sein?« Ich mochte ihn nicht. Er roch schlecht, hatte dunkle Zähne und sein schütteres, dünnes, ungepflegtes Haar spross in wirren Strähnen ab. Einfach widerlich. Er trug einen zerschlissenen Stoffmantel und fleckige Jeanshosen. Um den Saum über den ausgelatschten Turnschuhen waren sie voll Lehm und Straßendreck. Er sah wie einer der Penner aus, die im Schutz der Dunkelheit um den alten Bahnhof schleichen. Ich glaubte, er würde mich jetzt um zehn Euro anhauen. Ich lebte nun bereits seit zwölf Jahren hier und wusste natürlich, dass dieser Mann drei Häuser weiter in der verfallenen Kate seiner Eltern hauste. Aber ich kannte nicht mal seinen Namen.

»Sie haben sie doch bemerkt, oder?«

»Wen?« Er spielte bestimmt auf den Kugelblitz an. Nun das war ein Thema, das ich ausgerechnet mit dieser Kreatur nicht zu besprechen gedachte. Ich stand noch immer unter dem Eindruck dieser imposanten Erscheinung. Aber das behielt ich lieber für mich.

»Ja, das waren sie. Sie sind gekommen.« Er fasste mich an beiden Armen und hauchte mir diese Worte ins Gesicht, ganz nah. Ich las Irrsinn und Wahn in seinen Augen. Seine Miene war derart freudig erregt, dass ich für einen Augenblick daran denken musste, dass so ein Archäologe aussähe, der sich vor der versiegelten steinernen Pforte eines lang gesuchten Königsgrabes befand. Ich befreite mich aus seiner Umklammerung und wischte mir den Mantel ab. »Tut mir leid, ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

»Sie haben geschlafen? Sie haben das tatsächlich verschlafen?« Jetzt gluckste er und würgte ein paar Huster nach oben. Er spuckte dunklen Schleim auf den Boden. »Seit dreißig Jahren warte ich auf sie und dann …«

»Was meinen Sie?« Ich wurde lauter.

»Die Außerirdischen«, flüsterte er. »Und Sie haben gepennt! Unfassbar!« Enttäuscht und wütend wandte er sich ab und schlurfte zu seiner Kate.

Ich wollte das nicht sagen, aber es rutschte mir einfach raus: »Sie meinen den Kugelblitz?«

Er zuckte, ein Vibrieren erschütterte den schlaksigen Körper, als er sich umdrehte und mich fassungslos anstarrte. »Kugelblitz?«

»Ja, da war gestern so ein kleiner Kugelblitz in meinem Schlafzimmer, für vielleicht zehn Sekunden, oder auch fünfzehn, etwa einen Meter im Durchmesser und sehr grell.« Ich versuchte, möglichst emotionslos zu wirken, obwohl ich innerlich aufgewühlt war.

Er bog sich wir ein Fleischerhaken, als er wie ein Raubtier vorsichtig um mich schlich und seine Beute von allen Seiten begutachtete.

»Kommen Sie mit!«, sagte er in einem völlig neuen, nüchternen Ton. Es war keine Bitte, es war ein Befehl.

Wie hypnotisiert folgte ich ihm in die Kate. Zu meiner Überraschung öffnete er die durch mächtige Rosenbüsche verborgene Tür mit einem elektrischen Zahlenschloss. Es brummte und er schritt voraus in einen düsteren, niedrigen Flur. Weiter vorne wickelte sich eine runde steile Treppe dem Dunkel entgegen. Ich erkannte ihn gerade auf dem obersten Absatz und kletterte hinterher.

Oben traf mich der Schlag. Die gesamte Etage war ein einziger Raum. Überall belagerten seltsame Geräte lange Tische. Es piepte und summte, fiepte und krächzte. In der stickigen Luft glaubte ich, einen Bildschirm als Radar zu erkennen. Ständig drehte sich ein hellgrüner Balken und deutete Objekte hinter dem Schatten an. Aus Druckern quollen undefinierbare Linien, Punkte und Zahlenreihen.

»Was, was ist das?«, wunderte ich mich und zeigte auf alles und nichts Bestimmtes.

»Das ist mein Labor. Warten Sie, ich mache einen Kaffee.« Er klang ganz anders, nicht mehr so verzweifelt, sondern fest und stark.

»Sie sind Wissenschaftler«, stellte ich fest.

»Oh ja.«

Darauf schwieg ich. Auf einem Schemel lagen ein paar Bücher. Ich nahm das Obenliegende und blätterte darin. »Instabile Strukturen im Raum – Zeitkontinuum. Dr. Dr. Max Blecker.« Innen fand ich nur mathematische Formeln und Diagramme. Selbst den wenigen Text verstand ich nicht einmal ansatzweise. Auf der Rückseite prangte das Foto des Autors. Ich legte das Buch weg und nahm es dann wieder. Ich hielt das Bild hoch.

Kein Zweifel: Das war jener Mann, der gerade von einer Maschine zwei blitzsaubere Glastassen mit herrlich duftendem, schwarzem Espresso brachte und mir eine reichte. »Ein altes Buch. Es hat zahlreiche Fehler und Irrtümer. Ich warte nur darauf, dass die lieben Kollegen sie finden und mir um die Ohren hauen. Die Hälfte haben sie bereits entdeckt. Es ist mir immer eine Freude, gepfefferte Antwortschreiben zu verfassen!« Er lachte gluckernd und schlürfte seinen Kaffee.

»Sie suchen nach Außerirdischen?«, fragte ich.

»Nein!«

»Nein?«

»Ich habe sie längst gefunden. Ich will … Kontakt.«

»Und Sie glauben, dass ich heute Nacht einen solchen … Kontakt hatte?«

Er nickte nur.

»Ach was.« Ich wischte die Vorstellung wie auf einer imaginären Tafel weg. »Das war ein Kugelblitz.«

»Und wie kam der in Ihr Haus?«

»Durch das Fenster?«, wagte ich vorsichtig einzuwerfen, denn in diesem Moment wurde mir die Unlogik eines solch physikalischen Vorgangs bewusst.

»Sie schlafen bei diesem Mistwetter mit offenem Fenster, ja?«

Er hatte es sofort erkannt. Ich stellte langsam die Tasse auf den einzig freien Fleck auf dem Tisch vor mir. Daran hatte ich noch nicht gedacht. Natürlich. Mein Haus war fest verschlossen und der nahen Küste wegen sturmsicher; man weiß ja nie.

»Ich verstehe nicht«, erwiderte ich und lehnte mich an einen Balken, der das hundertjährige Reetdach stützte.

»Schon gut. Ärgern Sie sich nicht. Aber ich möchte gerne wissen, wie sie ausgesehen haben.« Max Blecker schob mir einen Schemel hin und zog seine Augenbrauen erwartungsvoll nach oben. Ich berichtete.

Als ich geendet hatte, sagte er. »So ähnlich habe ich mir das vorgestellt.« Dann wandte er sich seinen Bildschirmen zu und versank zwischen Linien und Zahlenkolonnen. Er schien nicht einmal zu bemerken, dass ich gegangen war.

An diesem Tag meldete ich mich krank. Ich konnte einfach nicht zur Arbeit gehen. In meinem Haus saß ich am Fenster und beobachtete die Kate mit meinem Fernglas. Erst jetzt fielen mir die vielen Antennen und die kleine runde Kuppel auf dem Dach auf.

Aus Angst, etwas zu verpassen, aß und trank ich nichts außer ein paar Kräckern und einer Flasche Mineralwasser, die ich auf der großen Fensterbank sitzend, zu mir nahm.

Am Abend wartete ich immer noch. Gegen Mitternacht schlug der Hund meiner Nachbarn an. Lauter und lauter. Sein Herrchen versuchte ihn erst zu beruhigen, dann schimpfte er mit ihm, bevor er den winselnden und ängstlichen Rottweiler ins Haus zog.

Genau um 1.15 Uhr wurde es unter dem Reetdach hell. Das Licht drang mit grellen tastenden Fingern blendend hellblau und weiß durch jede Fuge der heruntergelassenen Jalousien. Als wieder Dunkelheit herrschte, wagte ich mich zu ihm. Er war verschwunden. Auch seine Computer waren weg, und seine Bücher. Ich schwöre, er hat das Haus nicht verlassen.

In Vollbesitz meiner geistigen Kräfte habe ich diese Aussage im Dezember 2014 zu Protokoll gegeben vor dem Polizeikommissar Heinrich Wiebelskirchen und dem Polizeianwärter Lukas Mehring. Ich versichere, dass ich die ganze Wahrheit gesagt habe. Professor Doktor Boris Meppen, Philosophische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität.

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